Die Menschen gehen lieber zugrunde, als dass sie ihre Gewohnheiten ändern. Leo Tolstoi

Schritt 3 – Fehler „Zins“ im System

In den ersten beiden Schritten vollzogen wir gemeinsam, wie Geld einmal entstand und wie es heute in Umlauf kommt. Wir erkannten, dass Geld heute aus dem Nichts entsteht wenn sich jemand eine Menge Geld bei einer Bank leiht, und dass es wieder vernichtet wird, wenn derjenige seine Schulden begleicht. Wir wissen also, dass jedem Euro, also jedem Guthaben, mindestens der gleiche Wert an Krediten entgegensteht. Und wo ist nun das Problem?

Fehlercode „Zins“

Stellen wir uns vor es gäbe nur einen Bäcker auf der Welt. Ich gehe zu diesem Bäcker und leihe mir ein Brötchen, wofür ist ja egal. Ich bekomme das Brötchen auch, jedoch mit der Auflage es in einem Tag zurück zugeben … plus 5 Streusel als Zins. Und nun? Ich kann nicht backen und kenne auch niemanden der es kann – es gibt ja nur einen Bäcker. Wie soll ich also den Zins in Höhe von 5 Streuseln aufbringen?

Unsere Welt in Klein


Es gibt in unserem System 3 Spieler:

  1. Bank
  2. Firma 1 mit 80 Mitarbeitern
  3. Firma 2 mit 80 Mitarbeitern

Beide Firmen gehen zur Bank und leihen sich 100,- Euro. Die Bank zaubert und verleiht 200,- Euro, welche vorher nicht existierten. Es sind jetzt also insgesamt 200,- Euro im System (2 x 200 €), das heißt dass die Gesamtkaufkraft aller vorhandenen Individuen 200,- nicht übersteigen kann.

 

Die beiden Firmen produzieren nun Waren im Wert von jeweils 100,- Euro und bezahlen dafür ihren jeweils 80 Mitarbeitern jeweils 1,- Euro. Die übrig bleibenden 20,- Euro behalten sie zur Investition bzw. als Gewinnspanne oder wofür auch immer ein. Die Gesamtkaufkraft ist ergo immer noch 200,- Euro, nämlich 160 x 1,- Euro sowie 2 x 20,- Euro.

Jetzt kaufen die Angestellten der beiden Firmen solange die produzierten Waren auf, bis die gesamten 160,- Euro wieder bei den Inhabern der Firmen sind (dafür wechseln die Waren ihren Inhaber). Da aber die Waren von Firma 1 besser und beliebter sind obwohl sie etwas teurer sind, konnte Firma 1 100,- Euro einnehmen. Firma 2 konnte nur 60,- Euro verbuchen. Die Kaufkraft des kompletten Systems ist also wieder bei 200,- Euro (2 x 20,- Euro + 1 x 100,- Euro + 1 x 60,- Euro).

Irgendwann kommt der Moment! Die Bank will den Ursprungskredit, bei dem die 200,- Euro entstanden sind, zurück haben. Sie hatte mit beiden Firmen einen Zins von 5 Prozent, 5,- Euro vereinbart. Firma 1, die einen Gewinn erzielen konnte, zahlt die geforderten 105,- Euro zurück und steht mit 15,- Euro Gewinn ziemlich gut da.

Fehlercode „Zinseszins“

Firma 2 aber, welche ein Minusgeschäft verbuchen musste, kann die 105,- Euro nicht zahlen. Sie muss also 80,- Euro zurückzahlen und, um die restlichen 25,- Euro des alten Kredits bedienen zu können, einen neuen Kredit aufnehmen. Dieser Kredit wird natürlich ebenfalls wieder verzinst.

Jetzt wollen ja aber beide Firmen weiter produzieren. Sie borgen sich also wieder jeweils 100,- Euro. Firma 1 muss nach der Kreditlaufzeit wieder 105,- Euro zurück zahlen. Firma 2 aber jetzt schon:

25,00

+ 1,25

+100,00

       + 5,00

= 132,25

 Sie hat aber dennoch nur 100,- Euro für dieses Periode zur Verfügung!

In diesem Moment wurde also der Zins des ersten Kredits mit einem erneuten Zins belegt – dem Zinseszins.

Ende der Geschichte (?)

Wie wir an diesem Beispiel gesehen haben, kann ein einmal gegebener Kredit niemals gänzlich getilgt werden, denn die Menge des Kredits bildet die Gesamtmenge des Geldes. Die Menge des Zins ist jedoch mehr, als die Gesamtmenge des Geldes. Hören wir also in den Nachrichten, dass alles und jeder verschuldet ist und dass alles und jeder den „Gürtel enger schnallen muss“ um die Schulden zu begleichen, dann werden wir schlicht belogen, denn:

  1. Es können niemals alle Schulden inklusive der Zinsen (und Zinseszinsen) beglichen werden, da diese Werte die Gesamtmenge des weltweit existierenden Geldes bei weitem übersteigt. Es gibt schlicht nicht soviel Geld, wie es Schulden gibt.
  2. Insofern eine Person einen Kredit und dessen Zinsen zurückzahlen will, muss eine andere Person einen neuen Kredit aufnehmen. Dadurch steigt zwar die vorhandene Geldmenge, wodurch ein Kredit zurückgezahlt werden kann. Es steigt aber auch die Gesamtmenge aller Kredite (und damit auch der Zinsen).

Ich denke, ich habe die Brisanz des Zins und des Zinseszins einleuchtend dargestellt und wir alle können nun mit dem Konstrukt „Schuld“ und „Zins“ etwas besser umgehen.

Was das alles nun aber für diese unsrige reale Welt bedeutet, bereden wir ein anderes Mal.


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4 Kommentare
03.09.12
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4 Antworten zu “Schritt 3 – Fehler „Zins“ im System”

  1. Wolf sagt:

    Gut erklärt! Man muss natürlich vereinfachen, um das Prinzip aufzuzeigen.

    Der Zinseszinseffekt enthält einen Mechanismus exponentiellen Wachstums – und dabei stoßen wir Menschen schnell an die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens. Die berühmtesten Beispiele sind vermutlich a) das Schachbrett, bei dem ein Reiskorn auf das erste Feld gelegt wurde und für jedes weitere Feld die Reismenge verdoppelt werden sollte; und b) die Zeitung, die 50 Mal gefaltet werden sollte.

    Bin gespannt, was das für die reale Welt bedeutet! ;-)

  2. Phil sagt:

    Prinzipiell ist der Ansatz richtig, gilt aber natürlich nur bei konstanter Wirtschaftskraft. Allerdings ist das Beispiel selbst für einfache Überlegungen viel zu Simpel gestaltet, da es kaum Dynamik zulässt. Die eine Firma würde ich zum Verbraucher umdeklarieren der sowohl von den Banken, und der Firma Geld erhält welcher er teilweise konsumiert oder spart. Interessant wird es wenn wir jetzt noch einen Spieler Staat dazustellen und z.B. eine Geldmengenausweitung vornehmen und uns die Reaktion anschauen. Das Ergebnis solcher kleiner spielerischer Experimente meinerseits war die Feststellung, dass die Banking-Theorien (also die Geldtheorien die Geldschöpfung bei Privatbanken verteidigen) nur bei expandierender Wirtschaft funktionieren können. Das ist ein Punkt der viel zu selten angesprochen wird wenn immer von den „Grenzen des Wachstums“ gesprochen wird, aber die unfähigkeit unseres Geldsystems nicht zu wachsen vollkommen außer Acht gelassen wird. Nur bei einem 100%Money oder wenigstens einem 100% Deckkungs-System taucht dieser Widerspruch nicht auf.

  3. Oyabun sagt:

    Danke für den Hinweis, lieber Peter. Ich denke jedoch, dass ich den Kern des Problems „Zinseszins“ etc. damit ganz gut erklären konnte ;)

    Ich habe außerdem vor, die Auswirkungen sowie weitere, enorm perverse Auswüchse dieses Systems im nächsten Blog zu bearbeiten.

  4. peter sagt:

    Nette Erläuterung! Anmerkung: Deine Bank müsste die Forderung an Firma 2 vermutlich eher abschreiben. Die kriegt vermutlich keinen neuen Kredit (solch reizvolle Optionen bleiben im Allgemeinen nur Staaten vorbehalten) und meldet Insolvenz an. Ersetz doch Firma 1 und Firma 2 durch Staat 1 und Staat 2 und Bank durch Finanzmarkt – und du erklärst „Schuldenkrise“. Grüße

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