Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer. Aischylos

Rettungsdienst(miss- versus ge-)brauch – einmal geforscht

Seit mehreren Monaten geistert nun zunehmend ein Thema durch die einschlägigen Medien (hier oder hier). Zunehmende Einsatzzahlen nahezu aller Rettungsdienstbereiche lassen vermuten, dass es den Deutschen auch zunehmend schlechter geht – denkt man, doch fragt man die Kollegen kommt sicherlich ein anderes Bild auf. Da vermutet man schnell, dass der Rettungsdienst mehr und mehr als scheinbar billiges und schnelles Taxi, als Ersatz für Hausärzte im Urlaub und dergleichen mehr missbraucht wird.

Ich wollte im Rahmen eines Moduls meines berufsbegleitenden Studiums diesem Problem ein wenig auf den Zahn fühlen und entwickelte einen Fragebogen, mit welchem jeder Einsatz mittels eines Scores bewertet werden kann. Der Score sieht vor, dass jeder Patient maximal zehn Punkte erreichen kann:


Auswertebogen Score Teil 1

Auswertebogen Score Teil 1

Auswertebogen Score Teil 2


Maximal zehn Punkte hat also ein Patient dann erreicht, wenn er zwingend liegend und mit Sonder- und Wegerecht in ein Krankenhaus verbracht werden muss, da alle fünf erhobenen Vitalparameter (Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung des Blutes, Blutzuckerspiegel sowie die Bewusstseinslage gemessen mittels der Glascow Coma Scale) pathologisch verändert sind. Außerdem mussten, um den Patienten zu stabilisieren, nichtinvasive sowie invasive Maßnahmen durchgeführt werden. Dies zu erreichen ist natürlich recht „schwer“.

Rufen wir uns jedoch in Erinnerung, wozu der Rettungsdienst eigentlich da ist. In Sachsen wird dessen Auftrag im Sächsischen Gesetz über den Brandschutz, Rettungsdienst und Katastrophenschutz (SächsBRKG) wie folgt definiert:

§2, Absatz 2, Satz 2-3:
Notfallrettung ist die in der Regel unter Einbeziehung von Notärzten erfolgende Durchführung von lebensrettenden Maßnahmen bei Notfallpatienten, die Herstellung ihrer Transportfähigkeit und ihre unter fachgerechter Betreuung erfolgende Beförderung in das für die weitere Versorgung nächstgelegene geeignete Krankenhaus.

Notfallpatienten sind Kranke oder Verletzte, die sich in Lebensgefahr befinden oder bei denen schwere gesundheitliche Schäden zu befürchten sind, wenn sie nicht umgehend medizinische Hilfe erhalten.

Der Score gibt also letztlich, das war zumindest mein Ziel, folgendes an:

Je mehr Punkte ein Patient auf dem Score erreicht, umso wahrscheinlicher ist er Notfallpatient im Sinne des SächsBRKG.

Ablauf der Erhebung

Stichprobenerhebung

An der Erhebung nahmen zwei Dresdner Rettungswachen sieben Tage lang teil. Ziel war jeweils einen Rettungswagen, welcher 24 Stunden im Dienst ist, zu beobachten. Dazu wurden die Kollegen via Mail eingewiesen und zur Kooperation gebeten – natürlich nicht ohne die Relevanz  zu verdeutlichen. Mein Dank gilt hier dem Leiter Rettungsdienst der Malteser in Dresden, den beiden Rettungswachenleitern sowie den kooperierenden Kollegen.

Rückläufer

Leider war die Relevanz einer Wache nur in fünf von vierzehn Diensten (sieben Tage – je zwei zwölfstündige Dienste) wirklich klar, weswegen das Ergebnis diesbezüglich unter Umständen etwas verzerrt ist.

 

 

Dennoch konnte eine Stichprobe von immerhin 57 Einsätzen gesammelt werden, was für insgesamt 19 zwölfstündige Dienste – also 228 Dienststunden – schon sehr beachtlich ist.

Das Ergebnis

Tag-Nacht-Verteilung

Geschlechterverteilung

Altersdurchschnitt

Patientenmobilität

Pathologisch veränderte Vitalparamter

pathologisch veränderte Vitalparameter

Maßnahmen und Krankenhausverbringung

Verteilung der Ergebniswerte

Endergebnis Durchschnittswerte

Bei maximal sechs erreichten Punkten ist der durchschnittlich erreichte Wert 2,15. Ob das nun viel oder wenig ist möge jeder selbst definieren. Fakt ist:

  • Weibliche Patienten rufen insgesamt etwas häufiger den Rettungsdienst.
  • Nächtliche Patienten sind häufiger männlich.
  • Männliche Patienten sind insgesamt jünger als weibliche.
  • Männliche Patienten scheinen insgesamt stärker vital bedroht zu sein.
  • Insgesamt scheinen nur wenige Patienten tatsächlich vital bedroht zu sein.

Diskussion

Folgende Diskussionspunkte stehen m.E. im Raum:

  1. Kann der genutzte Auswertebogen die tatsächlich vorliegende vitale Bedrohung umfassend bewerten?
    • Muss er eventuell anhand der ersten Erfahrungen angepasst werden?
  2. Insofern der Rettungsdienst zu Einsätzen ausrückt, die scheinbar überwiegend nicht die gesetzlichen Voraussetzungen nach §2 (2) SächsBRKG erfüllen, wie ist dann seine Finanzierung etc. zu begründen?
  3. Wie oft rückt der Rettungsdienst zu Einsätzen aus, die bereits im Vorfeld, für den Leitstellendisponenten erkennbar, die Voraussetzungen nach §2 (2) SächsBRKG nicht erfüllen?
  4. Kann die „Trefferquote“ mittels einem (in anderen Rettungsdienstbereichen bereits genutzten) festen Abfrageschema für Leitstellendisponenten erhöht werden?
    • Die integrierte Rettungsleitstelle in Dresden folgt derzeit keinem verbindlichen und zwingenden Abfrageschema.

Alle Bilder, Ergebnisse und Zahlen sowie der Fragebogen selbst sind geistiges Eigentum von mir und dürfen unter keinen Umständen ohne meine Erlaubnis in irgendeiner Form genutzt werden.

Eine ungenehmigte Verwendung oder Vervielfältigung des Auswertebogens ist ein Verstoß gegen das Urheberrecht gemäß § 106 UrhG.


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2 Kommentare
08.08.15
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2 Antworten zu “Rettungsdienst(miss- versus ge-)brauch – einmal geforscht”

  1. Dr. Ralph Kipke sagt:

    Was ist uns unsere Sicherheit wert?
    Das Thema der Arbeit ist gesundheitspolitisch hoch interessant und wird in der Zukunft sicher mehr im Blickpunkt öffentlichen Interesses stehen. Die Einsatzzahlen im Rettungsdienst haben sich in den letzten 20 Jahre verdoppelt – diese Steigerung ist demographisch und epidemiologisch nicht zu erklären.
    Das Substantiv Missbrauch ist im Deutschen seit dem 16. Jahrhundert belegt. Das zugrundeliegende Verb mit der Bedeutung falsch oder böse gebrauchen findet sich bereits im Althochdeutschen (https://de.wikipedia.org/wiki/Missbrauch). Anrufer, die die Notrufnummer 112 wählen, sind nur im Ausnahmefall bösartig. Die Anrufer sind meist wirklich „in Not“, und wissen sich nicht anders zu helfen. Und der Disponent, gebunden an den Indikationskatalog der Bundesärztekammer, kann einen medizinischen Notfall nicht mit Sicherheit ausschließen. Letztlich definieren die Betroffenen selbst, was ein Notfall ist (http://www.bik-beratung.de/media/file/13339.2-Dodt.pdf).
    In einer Dienstleistungsgesellschaft, in der alles möglich scheint, werden Mängel in der Gesundheitsversorgung schnell als (lebens-)bedrohlich erlebt. „Der muss mal richtig durchgecheckt werden“ hört man oft von Angehörigen.
    Obwohl die Anzahl berufstätiger Ärzte in den letzten 20 Jahren gestiegen und die Anzahl der pro Arzt zu versorgender Patienten gesunken ist, klagen Patienten über steigende Wartezeiten und schlechtere Versorgung durch Haus- und Fachärzte. (http://www.aerzteblatt.de/pdf/108/15/m255.pdf). Wenn Patienten gesundheitliche Probleme haben und der zuständige Hausarzt nicht verfügbar ist, wird oft der Rettungsdienst gerufen.
    Die medizinischen Möglichkeiten sind in den letzten Jahren weiter gestiegen. Ein kostenintensives CT des Kopfes gehört heute bei Bewusstseinsstörungen zum Standard, auch wenn der Alkoholspiegel die Bewusstseinsstörung erklären würde.
    Der Kostendruck im Gesundheitswesen hat zu einer Verlagerung der Leistungen aus dem stationären in den ambulanten Bereich geführt. Die Bettenanzahl ist bei gestiegenen Fallzahlen gesunken (Link ) Die Folge davon ist, dass pflegebedürftige kranke Menschen heute oft zu Hause oder in Pflegeheimen versorgt werden. Die „Atemnot im Altenheim“ gehört heute wahrscheinlich zu den häufigsten Alarmierungsindikationen.
    Die steigende Inanspruchnahme des Rettungsdienstes hat vielfältige Konsequenzen. Die Fahrten mit Sonder- und Wegerecht (sog. Blaulichtfahrten) gefährden die öffentliche Sicherheit. Mehrausgaben für Rettungsmittel und –personal auf der einen und die Einsparungen im amulanten und stationären Bereich auf der anderen Seite sind sozioökonomisch zu betrachten. Es ist eine politische Frage, welche und wieviel Sicherheit wir brauchen und was sie uns wert ist. Ein Rettungsdienst, in dem oft kaum mehr als der Mindestlohn gezahlt wird aber höchste Leistungen verlangt werden, ist bei dem zunehmenden Mangel an qualifizierten Arbeitskräften in Deutschland nicht zukunftsfähig.
    Das Ergebnis der Studie – zunehmende Inanspruchnahme des Rettungsdienstes bei Patienten ohne lebensbedrohliche Erkrankungen – ist nicht überraschend. Zukünftige Forschungen sollten die Effizienz des Rettungsdienstes untersuchen und zur notwendigen gesellschaftlichen Diskussion über die Zukunft des Rettungsdienstes in Deutschland beitragen.

    • Ulf Kippke sagt:

      Vielen Dank, lieber Ralph, für Deinen umfangreichen und sehr informativen Kommentar. Ich werde im Rahmen meines Bachelors sicherlich auf Dich zurückkommen.

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