Die Vernunft beginnt bereits in der Küche. Friedrich Nietzsche

Polizeieinsatz mit Todesfolge in Berlin

An dieser Stelle stand ein Video, welches auf Youtube gehostet war. Leider scheint sich die Mediengruppe RTL die Rechte daran gesichert zu haben.

In Berlin ist es am 28. Juni zu einem Polizeieinsatz gekommen. Infolge dieses Einsatzes kam es zu einem Todesopfer. Der entscheidende Moment wurde von einem Passanten gefilmt und online gestellt und die Welt rätselt nun, ob der Schuss des Polizisten verhältnismäßig war oder nicht. Meine Meinung und Analyse…

Die Ausgangssituation

Das Opfer war wohl ein „verwirrter 31 jähriger Mann“ (Quelle), welcher im Vorfeld sich selbst mit einem Messer verletzte und zumindest nicht direkt andere Passanten bedrohte. Die herbeigerufene Polizei sprach ihn dann wohl im Neptunbrunnen an woraufhin er einem Beamten mit dem Messer bedrohte. Dieser sah sich in einer Notwehrsituation und schoss dem Mann in den Oberkörper. Der Mann erlag seiner Lungenverletzung vor Ort.

1. Polizist im Brunnen

Wie auf dem Video zu sehen ist, trägt der Polizist A (Schütze im Brunnen) keine offensichtliche Schutzweste, geht rückwärts und schießt kurz bevor er den Brunnenrand erreicht. Danach stolpert er über selbigen, dreht sich einmal und hebt seine Waffe dann wieder in Richtung Opfer. Seine Kollegen stehen außerhalb des Brunnens, wobei nur ein weiterer Beamter die Dienstwaffe gezogen hat. Folgende Fragen sind zu stellen:

  1. Warum ist Beamter A überhaupt in den Brunnen gestiegen? Eine Kontaktaufnahme mit dem Opfer ist auch von außerhalb des Brunnens mittels lauterer Stimme möglich. Außerdem ist damit ein genügend großer Sicherheitsabstand gewahrt.
  2. Warum geht der Beamte A alleine zum Opfer? Wenn er sich unbedingt ohne ausreichende persönliche Schutzausrüstung dem Opfer nähern muss, warum macht er es dann nicht mit seinen Kollegen? Dadurch würde auch in einem Kampfgeschehen personelle Überlegenheit gewährleistet sein.
  3. Der Beamte hat die Waffe gezogen, obwohl er offensichtlich die Aufgabe übernommen hat Kontakt aufzubauen. Üblicherweise zieht der Beamte, der den unmittelbaren Kontakt mittels Sprache und körperlicher Nähe aufbaut nur dann eine Waffe, wenn weniger als 3 Beamte vor Ort sind. Dies wird zumindest in vielen Einheiten so gelehrt. Die sichernden Beamten haben die Person permanent im Visier während der Kontaktbeamte maximal die Hand am Halfter hat.

2. Der Schuss selbst

Der Beamte A schießt dem Opfer direkt in den Oberkörper. Obwohl schlecht zu erkennen muss das so sein, da die Lunge sich nun mal im knöchernen Thorax befindet – allgemein als Oberkörper bezeichnet. Usus sollte jedoch nicht der Schuss in den Oberkörper sein:

  1. Das Opfer hatte „nur“ ein Messer. In seinem offensichtlich verwirrtem Zustand (vielleicht auch Drogendelirium?) wäre eine Überwältigung mittels gut ausgebildeter Beamter im Nahkampf (Bestandteil der Ausbildung) dann nicht nahe liegender als ein Schuss?
  2. Warum haben die Beamten nicht versucht das Opfer mittels Schlagstock zu überwältigen? Selbiger zu hunderten Demonstrationen gegen tausende Demonstranten eingesetzt ist das Mittel der Wahl um einen gering bewaffneten Menschen zu entwaffnen. Alternativ bietet sich hier das Tonfa oder das allgegenwärtige Pfefferspray an (letzteres versagt jedoch häufig bei Personen mit hohem Stresspegel).
  3. Wenn der Schuss schon unbedingt notwendig war, war es dann unumgänglich das Opfer im Thorax zu treffen? Auf diese Entfernung (unter 2 Meter) ist es ohne Probleme möglich auf weiter unter gelegene Körperpartien zu ziehen. Naturgemäß werden die Beine ab Kniehöhe anvisiert um die bloße Gehbewegung des Gegners zu behindern. Maximal der Bauch wäre noch möglich gewesen, wenn der eigene Stresspegel ein Zielen auf die Knie verhindert. Obwohl ebenfalls potentiell tödlich haben die Rettungsdienste und Ärzte dann wenigstens eine Chance auf lebensrettende Maßnahmen.
  4. Insofern die Beamten vor Ort zu der Meinung gelangten, dass sie das Opfer ohne Schusswaffengebrauch nicht entwaffnen können, warum wurde dann nicht das SEK gerufen. Das SEK ist speziell für solche Situation ausgebildet und -gerüstet und hätte den Mann in kürzester Zeit und ohne Todesfolge entwaffnen können und hätte vermutlich nicht länger als 20 Minuten Anfahrtszeit benötigt.

Meine Conclusio

Der Schuss erfüllt in meinen Augen klar den Tatbestands des Totschlags und eben nicht den der Notwehr. Denn wie oben beschrieben bestand die Bedrohung durch das Opfer nur auf der Basis der durch die Beamten begangenen Fehler im Einsatz. Völlig gleich ob das Opfer nun unter Drogen stand oder psychisch verwirrt war, es wurden eben nicht die richtigen Mittel und Kräfte eingesetzt. Erst durch die Fehler der Beamten konnte es zu einer für den Beamten A bedrohlichen Situation kommen. Damit ist die Notwehr in meinen Augen ausgeschlossen, da die Schuld bei den beamten liegt.

Im Zweifelsfall wäre das Opfer nämlich nicht zurechnungsfähig (wer turnt schon nackt in einem Brunnen rum und stich sich selbst mit dem Messer in den Hals?). Die Verantwortung der vernünftigen Handlungsweise lag also bei den Beamten.

Moralische Komponente

In einschlägigen Foren, auf Facebook und in Kommentaren ist naturgemäß eine heiße Diskussion entbrannt. Hier ein paar Auszüge:

der typ hat doch selber schuld wenn er nen polizisten mit nem messer bedroht …der war so dicht dran da hätte jeder geschossen

Falsch! Wie oben bereits beschrieben hätte das nicht jeder getan.

wer mit nem messer auf eine pistole zuläuft ist zu dumm zum leben

Aua! Es gibt nicht umsonst den Artikel 2 im Grundgesetz, wonach jeder das Recht auf Leben hat. Dieses Recht verwirkt niemand und in keiner Situation. Es ist ein unumstößlicher Grundpfeiler unserer Gesellschaft.

Ob geistig verwirrt oder nicht – wenn ich der Beamte wäre und der Typ rennt mit dem Ding auf mich zu…da wird geschossen. Irgendwie muss man ihn ja ruhigstellen.

Klar ist es schwer sich in den Beamten hineinzuversetzen. Und die Situation mag für Laien und Außenstehende eine gewisse „Schusswürdigkeit“ besitzen. Aber genau für solche Situationen gibt es Ausbildungen noch und nöcher. Der Beamte hätte dringend anders reagieren müssen. Dass ist sein Beruf.

Andererseits fände ich es natürlich supi, wenn mehr im Wasser stehende Polizisten Taser benutzen würden.

Obwohl in dieser Situation ein Taser vermutlich nicht die schlechteste Wahl gewesen wäre, gibt es jedoch Gründe, warum es diese Waffe bei uns noch nicht gibt. Die Risiken für die Getaserten sind unabschätzbar und der Griff zum Taser ist zu leicht. Die Gefahr für Leib und Leben der Opfer und die zu erwartende Flut an Klagen wäre entsprechend groß.


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1 Kommentare
29.06.13
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Eine Antwort zu “Polizeieinsatz mit Todesfolge in Berlin”

  1. Flexes sagt:

    Der Polizist war definitiv in einer Gefahrenlage. Währe der nackte losgesprintet hätte er sicherlich auf den Polizisten einstechen können bevor dieser sich in Sicherheit hätte bringen können. Allerdings bleibt die Frage offen wieso sich der Polizist 1 Meter entfernt von einem ganz offensichtlich verwirrten oder unter Drogeneinfluss stehenden bewaffneten Menschen stellt. Wenn man sich so nah an so jemanden heranwagt, dann bitte mit dem Vorsatz denjenigen zu entwaffnen, meinetwegen auch mit Schlagstock in solch einer Situation. Wenn man wirklich nicht weiter weiß, könnte man sich natürlich auch einfach auf 5-10 Meter Distanz stellen, Verstärkung zum Überwältigen des Mannes rufen und einen Schuss höchstens dann anbringen, wenn sich derjenige mit mehr als Schritttempo auf einen hinzubewegt. Selbst dann würde ein geübter Polizist den Mann zwar warscheinlich überwältigen können mit Hilfe des Schlagstockes, allerdings kann man natürlich auch nicht erwarten dass der Polizist sein eigenes Leben aufs Spiel setzt. Wer sich aber freiwillig auf einen Meter Distanz zu der sich ganz offensichtlich nicht beisinnen befindenden Person stellt, sollte vorher sicher stellen das er die Situation entschärfen kann, und zwar ohne einen tödichen Schuss.

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