Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen. George Orwell

Montagsdemos versus „Die Welt“ #1

Seit 4 Wochen finden in immer mehr Städten Deutschlands jeden Montag sog. „Mahnwachen für den Frieden (…)“ statt. Ausgehend von Berlin und dem Initiator Lars Mährholz wächst die Bewegung seither unaufhörlich. Am 21.04.2014, dem Ostermontag, sollen sich in Berlin (je nach Quelle) zwischen 1.000 und 5.000 Menschen zusammengefunden haben.

Ich selbst war auf der ersten Montagsmahnwache in Dresden und sah, gelinde gesagt, ein recht klägliches Häufchen Menschen, wenn man seine Wertung lediglich auf die zählbare Menge bezieht. Und doch hat mich diese Bewegung irgendwie gepackt. Also meldete ich mich kurzerhand für den Montag, den 14.04.2014, in Leipzig als Redner.

Interessant sind die Themen, denen sich die Organisatoren annehmen, allemal – viel interessanter ist jedoch die Reaktion der Beobachter. Lasst uns etwas näher hinsehen.

Da hätten wir unter anderem Frau Jutta (Gerta Armgard von) Ditfurth, eine ehemalige Grünenpolitikerin und heutige Publizistin. Ihr wollen wir zu erst das Wort erteilen.

Aber da hätten wir auch:

  • Die Tagesschau (vermutlich als erzwungene Reaktion infolge eines Shitstorms, welcher vermutlich durch eine wenig vertrauenswürdige Absplitterung oder „Huckepack-Gruppierung“ des Anonymous-Kollektivs initiiert wurde)
  • den Deutschlandfunk 
  • Oder die Linken (taz 1,  taz 2) und deren Sprachrohr, den „Freitag„,
  • diverse Magazine, wie bei Telepolis (interessanterweise ebenfalls von einem Herren Peter Nowak geschrieben, der auch den ersten Artikel in der taz schrieb), oder Ruhrbarone und sogar den Spiegel
  • NGOs, wie attac

und viele, viele mehr. Der einstimmige Tenor ist mit folgenden Stichworten zusammenzufassen.

Die Montagsdemos seien

  1. rechts, neurechts, rechtsesoterisch, revisionistisch
  2. faschistisch
  3. antisemitisch
  4. antikapitalistisch
  5. querfrontlerisch
  6. verschwörungstheoretisch

Ich möchte in diesem ersten Artikel auf einige Punkte eingehen. Ich verweise aber auch klar darauf, dass ich bisher lediglich in einmal in Dresden und zweimal in Leipzig dabei war. Über die Mahnwache in Berlin kann ich ausschließlich durch Videoaufnahmen, und über alle anderen Mahnwachen gar nicht urteilen.

Rechts, Neurechts etc.

Die Bezeichnung bzw. Aufteilung des politischen Spektrums in die Zuordnungsbeschreibung der zwei durch die Vertikale getrennten Seiten aus der Perspektive des Betrachters ist auf die Nationalversammlung Frankreichs 1789 ff zurück zuführen. Dort saßen nämlich die der (zurückliegenden) Monarchie zugewandten Abgeordneten rechts und die der (fortschrittlichen) Republik freundlich gesinnten Abgeordneten links im Saal. Im Laufe der Geschichte haben sich dann international klare Gegensätze kristallisiert, welche mit Links und Rechts bezeichnet wurden.

Egalitär versus Elitär. Die Linken vertreten das Gleichheitsprinzip, die Rechten das Prinzip der Herrschaft einer Elite.

Progressiv versus Konservativ. Die Linken vertreten eher Standpunkte, die als Fortschritt oder „Abkehr von Gewohntem“ bezeichnet werden, die Rechten hingegen eher Traditionen und „Althergebrachtes“.

Internationalistisch versus Nationalistisch. Während die Linken sich als weltweite Bewegung sehen, die einen internationalen Anspruch erhebt, konzentrieren sich die Rechten mehr auf nationale Ansätze.

In der Tat ist es jedoch schwer, bestimmte Bewegungen einzuordnen. Zum Beispiel beinhaltete das 25-Punkte-Programm der NSDAP im Schwerpunkt klar rechte Standpunkte, denn es erhöhte die Nation, die Rasse, deutsche Tugenden und Traditionen ins Unermessliche. Gleichzeitig finden sich aber auch wirtschaftliche Ansätze, die eher progressiv waren (betrachtet man die zeitgenössische Wissenschaft und Literatur).

Und hier offenbart sich dann auch die große Schwäche dieses Schemas der Einteilung. Denn wie einleitend geschrieben, ist die Zuordnungsbeschreibung der zwei durch die Vertikale getrennten Seiten aus der Perspektive des Betrachters zu verstehen. So ist es auch zu verstehen, dass Adolf Hitler nach etwas eingehender Analyse sogar als Linker bezeichnet werden könnte, was sogar die taz einsieht.

Wenn die Redner der Montagsmahnwachen also die Schubladenzuordnung in Links oder Rechts wiederholt ablehnen, dann ist dies eine klare Absage an zweidimensionales Denken. Die Welt ist leider nicht zweidimensional und es gibt weitaus mehr Herangehensweisen an ein Problem als die tradierte Politik uns weismachen möchte.

Antikapitalistisch

Eines der wichtigsten Themen der Montagsmahnwachen ist die Kritik am Zinseszinssystem, sowie dem Bankensystem als solches, hier zugespitzt personifiziert in der FED, dem Federal Reserve System. Lars Mährholz bezeichnet die FED im Untertitel seiner Mahnwache als eine „private Bank“. Fakt ist, dass die Banken, welche dem Federal Reserve System angehören, staatliche Einrichtung in privatem Besitz sind und ganz  besonderen Gesetzmäßigkeiten unterliegen. So fliest der Gewinn der Banken zu einem überwiegendem Teil in den Staatshaushalt.

Aber zurück zum Vorwurf antikapitalistisch zu sein. Die Kritik am Zinseszinssystem und der FED hat faktisch nichts mit den Prinzipien einer freien Marktwirtschaft zu tun. Was kritisiert wird, sind die durch das Zinseszinssystem generierten Anforderungen an die Wirtschaftsteilnehmer, um sich „auf dem Markt behaupten zu können“.

Antikapitalismus per se ist jedoch nicht einheitlich definiert. Karl Marx selbst bezeichnete den Sozialismus als Antikapitalismus der Ökonomie, während andere Richtungen sich eher auf die ökologischen Konsequenzen des Kapitalismus bezogen. Ja selbst der Nationalsozialismus behauptete in weiten Teilen von sich antikapitalistisch zu sein, kam aber zu gänzlich anderen Lösungen als der Marxismus.

Versucht man lediglich die reine Wortbedeutung zu ergründen, also

  • „anti-“ von grch. αντί, Präposition und Vorsilbe mit der Bedeutung „gegen“ oder „anstelle von“
  • „Kapital“ von  lat. „caput“ – „Kopf“ über  lat. „capitalis“ („den Kopf“ oder „das Leben betreffend“) zu unterschiedlichsten Bedeutungen (je nach wissenschaftlicher Lehre)
  • „-ismus“ von grch. -ισμός – „auf eine bestimmte Art handeln“, „vorgehen“

dann stößt man schnell an seine Grenzen, denn ein Hauptwort, das keine klare Definition hergibt, lässt auch seine Negierung nur sehr schwer eingrenzen. Ergo müssten die Kritiker sich etwas exakter ausdrücken.

Querfrontlerisch

Der Begriff „Querfront“ bezeichnete erstmals Beginn der 1930er eine Annäherung eigentlich gegensätzlicher politischer Richtungen mittels Betonung oder Konstruktion von Gemeinsamkeiten. So schafften es zum Beispiel Mitglieder der NSDAP, allen voran Ernst Röhm oder Gregor Strasser, innerhalb der Partei einen sozialistischen Flügel zu bilden.

In der sog. „Neuen Rechten“ ist es dann also auch möglich, substanziell unterschiedlichste politische Richtungen miteinander zu verknüpfen. So entstand unter anderem der „Schwarze Block“, eine eigentlich autonom und sozialistisch durchsetzte Bewegung, welche jedoch nicht nur nationalistische Ansichten verbreitet, sondern sich auch noch nationalsozialistischer Parolen bedient.

Der Vorwurf an die 2014er Montagsmahnwachen „querfrontlerisch“ zu sein ist demnach ein besonders perfider, denn er ist nahezu unmöglich zu widerlegen.

Die große Spannweite der durch die Organisatoren aufgegriffenen Themen hat es eben an sich, dass Teile vieler Ideologien tangiert werden. Quasi wie, als würde man diese an sich widersprüchlichen Ideologien in Puzzlestücke zerteilen, von jedem Satz ein paar klauben und jene dann lose aneinanderlegen.

Das birgt natürlich die Gefahr, dass sich die Anhänger diverser, auch höchst gefährlicher Ideologien angesprochen fühlen. Schließlich ist die Kritik am Zinseszins und an den Folgen ein Metier beider politischer Richtungen, auch wenn Karl Marx selbst sich nahezu duckmäuserisch um das Thema gedrückt hat.

Dieser Gefahr müssen die Veranstalter sich bewusst sein, erst recht in der Wahl ihrer Redner. Ein Andreas Popp, dessen Aussagen und Vorträge in der Tat äußerst interessant und vielschichtig sind, hat aber eben doch in seinem „Plan B“ den Gottfried Feder als „große[n] Wirtschaftstheoretiker“ bezeichnet und dessen „Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft“ von 1919 zu Rate gezogen, unterschlägt aber dessen Rolle im späteren Nationalsozialismus.

Und die Reden und Ansichten eines Jürgen Elsässers  sind in der Tat recht leicht zu missverstehen. Nicht nur, dass er sich offensichtlich eines Vokabulars bedient, welches eher Ressentiments schürt als abbaut, seine Meinungsäußerungen zum Thema „Schwulenehe“ („Ehe für alle“) und der damit einhergehende Vergleich

Die Institution der Ehe wird nicht ausgeweitet, sondern zerstört – wie die “Humanität” durch die Militärnterventionen.

sind grenzwertig.

Dennoch sehe ich optimistisch in die Zukunft, denn mit zunehmender medialer Reflektion werden hoffentlich auch zunehmend vielstimmige Beiträge einhergehen.

Ich selbst habe damit in Leipzig begonnen. Und wer mich kennt und mich mit einem der oben genannten Wörter betitelt, der hat, so leid es mir tut, einfach nicht hingehört.

Dieser Artikel ist nicht beendet und wird, je nach Zeit, Lust und aktuellen Entwicklungen, einer Fortsetzung zugeführt werden.


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2 Kommentare
23.04.14
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2 Antworten zu “Montagsdemos versus „Die Welt“ #1”

  1. Marc sagt:

    Gute Aufarbeitung, danke dafür.

  2. Rico sagt:

    Schön geschrieben….!
    LG Rico

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