Die Freiheit ist ein Gut, das alle andere Güter zu genießen erlaubt. Charles de Secondat

Links-Rechts-Mitte

Immer wieder muss ich mir durch meine lieben Leser, Kollegen oder Freunde anhören, ich wäre ein Linker – vermutlich, weil ich mich für solche Dinge, wie bedingungsloses Grundeinkommen oder die Neuverhandlung der bestehenden Besitzgesetzmäßigkeiten interessiere.

Immer wieder muss ich mir durch meine lieben Leser, Kollegen oder Freunde anhören, ich wäre ein Rechter – vermutlich, weil ich mich für solche Dinge, wie nationale Währungen oder nationale Versteuerungen interessiere.

Da keimt in mir die Frage auf, warum denn alles immer nach Links oder Rechts kategorisiert werden muss! Schauen wir mal etwas genauer hin.

Links und Rechts sind in erster Linie erstmal Richtungsangaben. Sie können nur aus der Richtung des Betrachters gegeben werden, denn wer vor mir steht und mich anschaut hat eine ganz andere Perspektive als ich. Sein Links ist mein Rechts und umgekehrt.

Zum Politikum wurden Links und Rechts erst 1789, als sich die französische Nationalversammlung konstituierte. Zuvor spiegelte die Sitzordnungen der Häuser die gesellschaftliche Hierarchie wieder. Das ging natürlich in einer Republik nicht mehr. In Frankreich spaltete sich die Sitzordnung alsbald in eine linke Seite, welche durch die republikfreundlichen Abgeordneten Parteien und Abgeordnete besetzt wurde, und eine rechte Seite, die durch monarchiefreundliche Teile besetzt wurden.

Damals wies die Sitzecke also darauf hin, ob man etwas neues wollte oder man das Alte bewahren oder gar wieder herstellen wollte.

Schaut man sich diese Richtung nun noch genauer an, kristallisierten sich in den folgenden Jahren (und den in anderen Ländern entstehenden Parlamenten) weitere Gegensätze. Links stand demnach für

  • Egalitarismus (Alle Menschen sind gleich – Gleichheitspostulat)
  • Progressivismus (Fortschrittsorientiert)
  • Internationalismus

Die Rechte ihrerseits stand demnach für:

  • Elitarismus (Es muss aus verschiedenen Gründen Ungleichheit geben)
  • Konservativismus (Das Alte bewahrend)
  • Nationalismus

Hier trafen also Gegensätze aufeinander, die die Parteien derart trennten, dass sie nicht nebeneinander sitzen wollten. Wie dämlich!

So viel zu der Entstehung der Teilung nach Links und Rechts (was übrigens immer so aufgezählt  wird, was wohl am Alphabetisierungswahn des Menschen liegt).  Beachten wir aber, was ich in meinem Artikel „Divide et impera“ schrieb, drängt sich die Frage auf, ob diese Unterteilung denn zwingend notwendig ist!

Sapere aude

ist lateinisch und bedeutet so viel wie „Wage es, vernünftig zu sein!„, nach Immanuel Kants Interpretation „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“. Das heißt, dass wir alle unsere Entscheidungen nach einer vernünftigen, soll heißen logischen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand treffen sollen. Und Logik hat einen unglaublich großen Vorteil! Sie lässt nämlich nicht viele Lösungen zu.

Die derzeitige „Auseinanderdividierung“ der politischen Lager betrachtet hierbei meist nur zwei Lösungswege. Was wäre denn nun, wenn es noch mehr Möglichkeiten gäbe? Oder was würde passieren, wenn die wirkliche Lösung die Mischung der beiden Extreme ist? Wenn das Gute sich aus dem Besten der beiden Lager zusammen setzt?

„Sapere aude“ befiehlt mir, meine eigene Gedanken anzustellen, eigene Wege zu gehen, eigene Lösungen zu entwickeln – oder wenigstens in mehr Richtungen zu sehen, als nur nach Links oder Rechts.

Ich sehe mich in keinem der beiden Lager, weder Links noch Rechts. Ich sehe mich in gar keinem Lager. Ich habe eine Meinung, welche wächst und gedeiht, welche sich dynamisch in viele Richtungen bewegt. Ich lasse mich nicht kategorisieren.

diu bant mac nieman vinden,
diu mîne gedanke binden.
man vâhet wîp unde man,
gedanke niemen gevâhen kan

Die Fessel kann niemand finden,
die meine Gedanken bindet.
Man fängt Frau und Mann,
Gedanken niemand fangen kann.


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07.11.12
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