Gewohnheit versöhnt die Menschen mit jeder Gräueltat. George Bernard Shaw

Ironische Verkehrung des Guten

Der Gutmensch als FeindEs gab eine Zeit, in welcher einige wenige Gelehrte über die Geschicke einer ganzen Nation -ja der gesamten bekannten Menschheit – sinnierten. Damals, im alten Griechenland, waren das Aussenseiter, denn der Rest der Menschen war entweder Analphabet, dumm oder „nicht bekannt“. Auf die Ergebnisse dieser wenigen Menschen fußt jedoch unsere gesamte Gesellschaft.

Heute ist es anders. In unserem Land gehen wir von einem vergleichsweise hohem Bildungsstandard aus. Wäre dies also eine mathematische Rechnung, müssen wir davon ausgehen, dass viel mehr Menschen die geistige Reife besitzen zu „sinnieren“, zu hinterfragen und zu forschen.

Es gab immer wieder Zeiten, in denen eben jene, ich nenne sie einfach mal „Denker und Handler“, von der großen Masse abgelehnt und verfolgt wurden. Leben wir heute auch in einer solchen Zeit? Werden „Denker und Handler“ auch heute abgelehnt und verfolgt?

Ironie als Waffe – die Umkehr des Guten

Schreibe ich über ein mir sehr wichtiges Thema oder rede ich offen über selbiges mit meinem direkten Umfeld reagieren die Menschen unterschiedlich. Zugegebenermaßen sind die Themen meines Interesses immer seltener TV-Serien, Filme, Spiele oder Sex. Ich rede dann über Politik und Philosophie, über all jene Sachen, die mich als Menschen im Rahmen eines Staates, im Rahmen der Menschheit bedingen und beeinflussen. Schlicht über Dinge, welche eben nicht nur mein Leben beeinflussen können und werden, sondern das Leben aller.

Diese Themen kann man jedoch leider nur selten mit einfachen Worten belegen. Und wenn, dann geht fast immer ein Teil des Inhalts verloren. Die deutsche Sprache ist so schön präzise – und sie hat sich durch Entlehnungen aus Latein und Co. umso so reicher und präziser werden lassen. Halten wir kurz fest:

  1. Ich rede und schreibe gerne über für mich gesellschaftlich relevante Themen, die mich bedrücken und über die ich mir eine Meinung bilde.
  2. Ich tue dies natürlich auch mit den Menschen aus meinem Kollegen-, Freundschafts- und Verwandtenkreis.
  3. Ich tue dies natürlich mit einer angemessenen und präzisen, zum  Teil aber eben nicht „gossigen“ Sprache.

„du kleener Weltverbesserer du hast auch an allem was auszusetzen oder?“

„Kannst Du auch mal was anderes außer meckern?“

„bist also auch einer dieser Gutmenschen – kotz!“

„Was Du im laberst. Kannste das ni so schreiben das das alle verstehn?“

„Gutmensch“ – der gute Mensch – ein Schimpfwort? Warum sollte ein Mensch, der Gutes will und Gutes tut, schlecht sein? Hat nicht Erich Kästner einst geschrieben „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“?

„Weltverbesserer“ – ein Mensch, der die Welt und wie sie ist verbessern möchte. Zuerst ohne weitere Mutmaßung bezüglich Inhalte sagt dieses Wort doch nur aus, dass er Zustände umwandeln möchte, dass er Missstände ausmerzen will. Warum sollte das etwas Schlechtes sein? Kann nicht jede Besserung nur angeregt werden, wenn es Menschen gibt, die das auch tun? Hat nicht Oscar Wilde verdeutlicht, dass jeder Fortschritt „die Verwirklichung von Utopien“ sind? Und können nicht nur Menschen Utopien formulieren?

Kognitive Dissonanz

Kognitive Dissonanz bezeichnet in der (Sozial-)Psychologie einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand, der dadurch entsteht, dass ein Mensch mehrere Kognitionen hat – Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen,Einstellungen, Wünsche oder Absichten –, die nicht miteinander vereinbar sind. *Wikipedia

Ist diese Ironie, diese Ablehnung einer formulierten Meinung, welche natürlich meist kritisch ist und das „Althergebrachte“, das Etablierte erschüttert, ist das eine solche Kognition (Erfahrung)? Reagieren diese Menschen aus meinem Umfeld deswegen so harsch, weil sie durch einige Äußerungen in ihrem Weltbild selbst erschüttert werden?

Ein Beispiel:

Sie haben durch Medien, Politik und Presse, durch Schule und Bildung ihr gesamtes Leben erfahren, dass Geld einen echten Wert besitzt und dass Schulden zurück gezahlt werden müssen. Jetzt kommt einer daher, der Ihnen vor Augen führt, dass unser Geld eben keinen echten Wert besitzt und dass alle Schulden der Welt überhaupt gar nicht zurück gezahlt werden können.

Was machen Sie? Wie empfinden Sie?

Ein weiteres (extremeres?) Beispiel:

Sie haben, wieder durch Medien, Politik und Presse, die Meinung, dass die Türme in NYC durch islamistische Extremisten zum Einsturz gebracht wurden. Sie sind außerdem der Überzeugung, dass sie das im Alleingang taten um den USA und seinem Volk einen Schaden zuzufügen. Weiter glauben Sie, dass der Angriff auf Afghanistan eine direkte Folge aus diesem Anschlag war und vorher so nie zur Debatte stand.

Jetzt kommt einer daher und zweifelt diese Version einfach an. Er stellt unangenehme Fragen, wertet Video- und Printmaterial aus und offenbart einen Widerspruch nach dem Anderen.

Was machen Sie? Wie empfinden Sie?

Der Entschluss

Ein Mensch, der die Dinge nicht so hinnehmen will wie sie sind, der sie verbessern möchte, der Gutes will, stellt sich letztlich irgendwann die Frage, ob sein Umfeld sein Engagement überhaupt will. Er wird entmutigt, kämpft er doch ständig gegen derlei Äußerungen an. Wer sich politisch interessiert scheint einfach nicht mehr „cool“ zu sein.

Er wird sich also entscheiden müssen. Will er weiter machen und Gefahr laufen aus seinem gewohnten Umfeld ausgeschlossen zu werden? Will er selbst sein Umfeld beginnen zu selektieren, bevor das Umfeld es tut? Will er vielleicht sogar sein komplettes Umfeld ersetzen und sich eines begeben, dass seine Ansichten teilt – dann jedoch den Kontakt zu den Menschen verlieren, für deren Interessen er sich ja eigentlich einsetzt? Oder gibt er auf und frisst seinen Unmut fortan in sich hinein?

Diese Entscheidung muss getroffen werden.


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2 Kommentare
28.08.13
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2 Antworten zu “Ironische Verkehrung des Guten”

  1. „Bisher hieß, politisch vernünftig sein, das geringere Übel zu wählen. Doch was tun, wenn ich nicht mehr weiß, wo das geringere Übel liegt?“ Peter Sloterdijk

    Schöne Grüsse aus der Ausstellung „Politik und Religion“
    Rainer Ostendorf
    Hier Bilder und Zitate
    http://www.freidenker-galerie.de/politik-und-religion-acrylbilder-weisheiten-zitate/

  2. Rico Handta sagt:

    Deine Intentionen sind richtig, allein Deine Mittel sind „falsch“. Willst Du etwas ändern, musst Du Dein Umfeld dort abhohlen wo es ist, sprich Dich diesem Umfeld (in diesem Fall sprachlich) anpassen. Also wenn Du es wirklich erreichen und Dir nicht einfach nur selber zuhöhren möchtest. Also ist auch eine Anpassung „nach unten“ nötig um diese Menschen insgesammt auf ein höheres level zu heben. in der „Schicht“ in welcher Du Dich z.Z. bewegst, musst Du niemanden überzeugen, musst Du nichts bewegen, denn es bewegt sich bereits. Willst Du eine breitere bewegung musst Du also „höherstufige“ auf Dein Niveau „herabziehen“ ;) , oder eben einfacher denkende, oder manipulierte auf Dein Niveau anheben. Das passiert aber nicht auf Aufforderung. Nur durch Nachhilfe. Jene MUSS aber zwingend auf der Stufe erfolgen wo sie gebraucht wird. Ist ein zweischneidiges Schwert, denn auch der geschulte geist bleibt aus Energiespaargründen gerne in einfacheren Gefilden. merke ich nur allzuoft selber, wenn ich Überlegungen beiseitewische um möglichst schnell und einfach meine Meinung bestätigt zu wissen. Darum braucht man bei sowas immer dringend Pausen, in denen man auf sein altes Niveau zurückkehren kann… ;)

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