Wer sagt: hier herrscht Freiheit, der lügt, denn Freiheit herrscht nicht. Erich Fried

Heimfahrt im Winter

Ich habe 7 Uhr in der Früh Dienstschluss und mache mich bereit zu fahren. Schnell noch eins, zwei Kaffee mit den Kollegen trinken, etwas quatschen, eine Kippe. Dann in die Umkleide. Spint auf. Klamotten ordnen und in Reihenfolge des Anziehens hinlegen. 19° unter dem Gefrierpunkt sind nicht zu unterschätzen!

Ich beginne mit der Funktionsunterwäsche von Brynje. Sexy Netzunterwäsche aus Meraklon – hat mir schon in Hammelburg, Munster und Norwegen treue Dienste geleistet. Dennoch immer wieder einen Lacher wert. Lange Unterhose, langes Oberteil.

Es folgen eine lange, aber dünne Fahrradhose mit Trägern, darüber eine innseitig etwas angeraute, mit Flies versehene und am Arsch gepolsterte Hose. Zwischen den beiden Hosen die Tennissocken.
Der Oberkörper wird von einem dünnen, kurzärmligen Fahrradoberteil, einem dünnen langärmligen Laufoberteil und einer ebenfalls nur leicht gepolsterten, aber winddichten Fahrradjacke gewärmt – Gott erfand die Zwiebel nicht ohne Grund!

Unter die Jacke wird die Sturmhaube gezogen – warm und wollig – aber schwerer zu atmen. Über selbige die Brynjemütze, ebenfalls innseitig mit Meraklonnetz. Zu guter Letzt ein paar mitteldicke Handschuhe mit Sturzloch am linken Daumen.

Schnell noch einem Kollegen über den Weg laufen, den obligatorischen Lacher ernten und es geht aufs Bike.

Losgefahren ist mein linker Daumen dank Loch nach 100 Metern ohne jegliches Gefühl. Ich gebe Vollgas um warm zu werden und ziehe die Luft durch das dichte Gewebe der Sturmhaube. Die erste Ampel – ich muss warten und halte mich am eiskalten Träger der Ampel fest. Die Kälte kriecht in die Socken.

Ich verlasse die Berliner Straße, wechsle auf die Löbtauer und muss über eine Ampel die Schäferstraße überqueren. Die bereits fahrenden Rechtsabbieger sehen mich und halten. Ich bedanke mich mit einem linken “Daumen hoch „ – hoffe ich jedenfalls – der linke Daumen versagt den Dienst und gibt keine Rückmeldung.

Löbtauer Straße – Friedrichstraße – Könneritzstraße – Marienbrücke. Die Elbe trägt Eisschollen, die Stadt liegt ruhig und kalt im Morgengrauen. Ich drücke auf die Tube, meine Füße werden ebenfalls taub. Die Fahrradschuhe sind alles andere als für den Winter geeignet.

Marienbrücke – Antonstraße – Schlesischer Platz. Aus dem Bahnhof Neustadt strömen die Passanten und schauen mich teils erschrocken, mitleidig, belächelnd, bewundernd an. Aus den Gullys dampft es.

Ich überquere den Schlesischen Platz und biege auf die Dr.-Friedrich-Wolf-Straße. Ein Fuchs kreuzt meinen Weg 25 Meter vor mir. Er huscht über die Straße, glotzt mich an und quetscht sich unter den Zaun auf das Bahngelände. Ich lasse mich kurz davon ablenken – verpasse fast nach rechts zu schauen, als ich die Stetzscher Straße kreuze.

Dr.-Friedrich-Wolf-Straße – Dammweg – rechts auf den Bischofsweg – rote Ampel an der Kreuzung Königsbrücker Straße – meine „Kö“ – heißgeliebte „Kö“. 150 Meter entfernt erahne ich das Café Europa – Rührei mit Schinken, Kaffee, Orangensaft – das wär toll.

Meine Wimpern sind beidseitig zu den Schläfen hin zusammengefroren. Ich bekomme meine Augen kaum noch auf. Mein Atem kondensiert in der Haube und bildet langsam eine dichte Eisschicht an ihrer Außenseite.

Bischofsweg – rein in die Görlitzer Straße – 5 Meter ausrollen und rein in das Haus. Als ich das Bike in den Keller trage spüre ich erst, dass ich nichts mehr spüre, weder in den Händen noch in den Schuhen. Ich nehme mir vor möglichst bald bessere Handschuhe und Schuhe zu kaufen – verwerfe es sofort wieder – keine Kohle – geht auch so.

Die Heizung tut brodelnd und lautstark ihr Tagwerk. Die Wohnung ist warm, das Bett ist leer. Ich vermisse sie kurz, steige aus den Klamotten unter die heiße Dusche. Heute Abend wieder auf Arbeit.

Hoffentlich schneit es nicht – dann müsste ich ätzend Straßenbahn fahren!


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06.02.12
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