Wer sagt: hier herrscht Freiheit, der lügt, denn Freiheit herrscht nicht. Erich Fried

Gute Idee – falscher Ansatz: der Veggie Day

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Die Grünen haben den Vorschlag eines vegetarischen Pflichttags in öffentlichen Kantinen etc. gemacht. Die Reaktionen der Medien und Gegnerparteien war standesgemäß. Neben der geschmacklosen Fotomontage des FDPler  Lars Lindemann links fielen mir unter anderem folgende Schlagzeilen auf:

 

„Veggie Day“: Die Furcht vor der grünen Umerziehung *Spiegel Online

Ein Veggie Day wäre unverschämt *FAZ

Und der berühmte abgeschossene Vogel mal wieder durch meine heißgeliebte BILD:

So lacht Deutschland über die Gaga-Idee der Grünen

Problem dabei? Die haben auch noch recht! Aber ganz anders als sie es gerne hätten! Schauen wir genauer hin…

Falscher Ansatz

Sehr gut mitgedacht, leider jedoch völlig falsches Ergebnis!

… hätte mein Mentor aus Gymnasiumzeiten gesagt. Denn ein Verbot kann nie, oder nur selten, eine Verbesserung im Verhalten einer Person herbeiführen. Denn die Motivation dazu muss immanent generiert werden, das heißt aus der Person selbst wachsen. Lediglich wenig kann den Weg in die richtige Richtung ebnen, nämlich die Herstellung von Chancengleichheit zweier konkurrierender Systeme (Fleisch versus Vegan bzw. Vegetarisch) sowie Bildung, Bildung und nochmal Bildung.

1) Chancengleichheit – direkte Subventionierung

Allein in Deutschland wird die Fleischindustrie bzw. deren Futterzulieferer direkt mit knapp 1 Milliarde Euro pro Jahr durch die EU gefördert. 50% eines Stallneubaus werden durch den Steuerzahler subventioniert. Das sind pro Jahr etwa 80 Millionen Euro. Dazu kommen 20 Millionen Euro Direktsubventionen an Agrargeldern, die jedes Jahr in die Taschen der Schlachthofkonzerne in Deutschland fliesen (Quelle).

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Der Effekt ist dann an jeder Fleischtheke zu spüren. Fleisch ist billig – ach was – es ist spottbillig. 1 Kilogramm Schweinerückensteak in Marinade für 5,55€ ist ein Witz! Denn was hat dieses Kilogramm nur an Wasser verbraucht? 5988 Liter Wasser – bei einem Preis vom 2,47 €/1000L in Deutschland 2010 (hier) hätte ein Privatabnehmer 14,97€ für die gleiche Menge Wasser bezahlt – fast das Dreifache des Preises an der Fleischtheke.

Und das war nur das Wasser. Dazu kommen ja noch alle anderen Kosten, wie Personal, Energie, Futter oder Transportkosten.

2) Chancengleichheit – indirekte Subventionierung

In Deutschland gelten die meisten Fleisch-, Fisch- und Milchprodukte als sog. Grundnahrungsmittel, wodurch sie mit einem Mehrwertsteuer von 7% statt 19% belegt werden. Nehmen wir das Beispiel Milch.

Kaufe ich einen Liter für einen Nettopreis von einem Euro bezahle ich an der Kasse 1,07€. Kaufe ich jedoch einen veganen, gesünderen und je nach Herkunft nachhaltigeren Soja-Drink (Sojamilch) mit ebenfalls einem Euro Nettopreis, bezahle ich schon 1,19€. Hier wird also der Konsum von tierischen Produkten, welche sowieso schon direkt subventioniert werden, noch indirekt bevorzugt.

3) Billiger statt …

In vielen Schlachtbetrieben und Mastanlagen werden die laufenden Kosten nicht nur durch Subventionen niedrig gehalten. Auch die Lohnkosten können durch fehlende Mindestlöhne und/oder sog. Werksverträge massiv gekürzt werden. So arbeiten in deutschen Schlachthöfen eben nicht zwingend deutsche Arbeitnehmer sondern billig aus Rumänien und Co. angekarrte Arbeitskräfte. Von sozialer Nachhaltigkeit kann hier nicht die Rede sein.

Der Misere Lösung

Statt also dem Bürger mittels Restriktion das Fleisch an einem Tag zu verbieten (was mich persönlich übrigens eher glücklicher als unglücklicher werden ließe), wäre es doch besser erst einmal den Konsum von Fleisch wieder das kosten zu lassen, was er eben kostet – nämlich bares Geld.

Während bei Zigaretten und Alkohol besondere Steuern erhoben werden müssen, um den Konsum zu reglementieren, müsste man beim Fleisch noch nicht einmal das tun. Es müssten lediglich Gelder eingespart werden – verrückt oder?

Außerdem die Anpassung der gesetzlichen Definition von „Grundnahrungsmittel“ an aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse (Stichwort „China-Studie„) in Bezug auf die Erhebung der Mehrwertsteuer sowie flächendeckende Implementierung gesetzlicher Mindestlöhne und das Verbot von das Letztere umterminierenden Werksverträgen würden schlagartig zu einer Normalisierung des Fleischpreises auf sein reales Niveau führen.

Das hieße, dass Fleisch dann statt z.B.: 5,55 €/kg eben etwa 11,10 €/kg kostete – im Gegenzug würden die gesünderen Alternativen wie Hülsenfrüchte oder Nüsse etc. im Preis sinken. Die Folge wäre dann, dass aus Egoismus (Ich will das Geld nicht ausgeben) oder Mangel (Ich kann das Geld nicht so häufig dafür ausgeben) eine altruisitische Handlungsweise resultiert, also der geringere Verzehr von Fleisch.

Bildung, Bildung, Bildung

Haben Sie mal versucht, liebe Eltern, ihrem Kind die Schlachtung von Rind, Schwein oder Huhn nahe zubringen? Vielleicht sogar in einem Alter, in dem es wahrlich noch prägend wäre – also im späteren Kindergarten- oder Grundschulalter.

Kinderschützer werden jetzt aufschreien, aber warum sollten Kinder nicht unmissverständlich – und kindgerecht – vor Augen geführt bekommen, wo das Fleisch und der Fisch aus Chicken Nuggets und Fischstäbchen eigentlich herkommt, und wie es produziert wird – selbst wenn BIO draufsteht?

[youtuber youtube=’http://www.youtube.com/watch?v=6rTSchBjPmk‘]

Das soll letztlich kein Appell eines Moralapostels sein, doch sollten Kinder nicht das Recht zur Selbstbestimmung auch in diesem Punkt besitzen? Genau wie auch in religiöser oder sexueller Hinsicht?

Conclusio

Ich rauche – das gebe ich zu. Und ich rauche zwar nicht nur, aber auch wegen eines Verbots meiner Mutter in meiner Jugend. Rauchen hatte etwas Verbotenes und von allen Plakaten lockte der Marlboro-Cowboy und versprach Freiheit.

Heute ist Rauchen allgemein verpönt, Werbung auf Plakaten mit klaren Warnungen versehen und Schüler werden früh über die Risiken und Gefahren aufgeklärt. Rauchen wird mit hohen Steuern „bestraft“ und Raucher werden aus Kneipen, Restaurants und Diskotheken, Arbeitsplatz und Bahnhöfen verbannt. Jedem ist klar, das Rauchen schlecht ist und der Raucher bezahlt teuer für seine Ignoranz des wissenschaftlichen Know-Hows.

Warum nicht auch der Fleischesser?

Das wäre eine faire und liberale Lösung. Keine Verbote, aber klare Chancengleichheit. Der Sonntagsbraten und die Weihnachtsgans seien erlaubt, gewünscht und genehmigt – aber der Preis muss entsprechend sein. Fleisch sollte wieder ein Luxusgut werden, und eben nicht der schnelle Snack zwischendurch.


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7 Kommentare
17.08.13
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7 Antworten zu “Gute Idee – falscher Ansatz: der Veggie Day”

  1. Kluger Artikel. Wenn ich es richtig weiß, war mit dem Vorschlag der Grünen übrigens kein „Zwang“ verbunden. Das wäre in der Tat auch lebensgefährlich, denn wer auch immer sich zwischen den germanischen Männerbauch und die Pferdefleischtöpfe stellt muss mit dem Schlimmsten rechnen.

  2. Mayo sagt:

    Wo ist die Grenze bei der Tötung von Tieren?

    Warum ist es unethisch, beispielsweise ein Schwein zu schlachten und zu essen, aber dafür ethischer, den Ertrag eines Weizenfeldes zu verputzen, bei dessen Anlegung ansässige Wildtiere vertrieben/getötet und bei dessen Ernte unzählige Kleintiere dem Pflug oder der Erntemaschine zum Opfer fallen?
    Für die Ertragsmenge an Nahrungsmitteln im Falle des Schweines ist also proportional weniger Feldfläche vonnöten. Mit dem „Leid“ eines großen Tieres wird also das Leid vieler kleiner Tiere gelindert.
    Nicht umsonst empfiehlt sogar die Terrororganisation Peta (Sarkasmus, also nicht ernstnehmen). doch lieber Wale zu essen, um der Überfischung vorzubeugen:
    http://www.peta.de/web/peta_essen_sie.2085.html

    Ist es also nur das Tierleid, das man direkt bewirkt, das dann als unethisch dargestellt wird?

    Ich nenne sowas scheinheilig.

    Natürlich ist die Massentierhaltung zu kontrollieren und gegebenenfalls zu korrigieren. Und sicher ist dort nicht alles super. Aber man kann durch seine Einkaufsgewohnheiten diesen Machenschaften Einhalt gebieten. Fleisch gehört zum Beispiel nicht in die Tiefkühltruhen der Discountmärkte.

    Da ist der Ansatz zu machen und nicht darin, den Mitmenschen eine Ideologie aufzuzwängen.

    • Ulf Kippke sagt:

      Lieber Mayo,

      Du sprichst mir aus der Seele. Denn mein Artikel sollte nicht als Artikel über den Veganismus oder als moralische Keule zur Überredung der Menschen auf ihr Fleisch zu verzichten fungieren. Es ging mir in der Tat darum, dass der Fleischkonsum selbst auf ein normales Level zurück gefahren werden sollte und das Bewusstsein der Menschen für das, was sie da in Massen in sich stopfen, wieder geweckt werden sollte.

      Meine Intention ist, dass es nicht nur nachhaltiger und gesünder, sondern außerdem ethisch wertvoller sei, könnte sich der deutsche zum Beispiel wieder auf den Sonntagsbraten beschränken oder wäre das Fleisch zumindest wieder so preisgetacktet, wie es seiner Herstellung und seinem Rang in der Nahrungsmittelkette gebührt.

  3. Mayo sagt:

    Hallöchen,

    ich lese normalerweise gern hier, aber dieser Artikel ist wohl ein Tiefpunkt. Der Mentor wäre nicht erfreut. Anderen Fehler vorzuwerfen und dann selber so danebenzuhauen.

    Ein paar Kritikpunkte. Für die Fleischproduktion wird überhaupt kein Wasser verbraucht, Wir haben dankenswerterweise einen Wasserkreislauf.
    Desweiteren hätte ich gern mal die Quelle für die angegebenen knapp 6000 Liter.

    Ich hätte eine, die 15.000 Liter angibt:
    http://www.wasserstiftung.de/wasserfakten.html
    Eine, die sogar 100.000 Liter angibt:
    http://news.iskcon.org/meat-the-truth%2C1558/
    Und eine , die von ungefähr 22 Litern spricht:
    http://www.ammenmaerchen.com/ammenmaerchen/weltweiter-wassermangel-infolge-fleischproduktion-279.html

    6000 Liter waren mir jetzt neu.

    Ein besonders peinlicher Höhepunkt ist die Anführung der China-Studie, inklusive Verlinkung auf Amazon zum Kauf dieses Machwerks. Diese Studie wurde angefertigt, um Annahmen zu bestätigen und nicht, um diese Annahmen zu überprüfen. Von daher scheidet sie als unwissenschaftlich sowieso aus. Sogar in Veganerkreisen wird die Studie als unhaltbar angesehen.

    http://vegane-gesellschaft.de/archives/61-Die-China-Study-und-die-Unkritischen.html

    Dann mal wieder ein Snuff-Video. Diesem Artikel hätte wohl eher der Earthlings-Film besser zu Gesicht gestanden. Hätte das Bild abgerundet.

    Und dann mal zum Thema nächtliche Videos von „Aktivisten“:

    Nur ein kleiner Text, aber schon entlarvend:

    http://kidmed.info/1001/dies-und-das/wer-qualt-die-tiere-fur-die-horror-videos-der-tierrechtsorganisation-peta/

    Einen Tip gebe ich zurück:

    Bildung, Bildung, Bildung

    P.S.: Fleischesser ist ebenso eine falsche Bezeichnung. Niemand isst ausschließlich Fleisch, obwohl diese Art der einseitigen Ernährung möglich wäre, im Gegensatz zu einer ausschließlich pflanzlichen Ernährung (Stichwort B12 Mangel). Die korrekte Bezeichnung wäre Mischköstler oder Omnivor.

    • Ulf Kippke sagt:

      Jedem seine Meinung doch ich bleibe dennoch auf meinem Standpunkt

      1) Dass die Fleischproduktion Unmengen an Wasser verschluckt und außerdem maßgeblich für die hohe Nitratbelastung vieler Böden verantwortlich zeichnet ist mittlerweile unstrittig. Lediglich über die exakten Zahlen kann man sich streiten.

      2) So wie es der China Studie ergeht, ergeht es unglaublich vielen, wenn nicht gar allen provokativen oder innovativen Studien. Sie werden alle zerpflückt – und die einfachste Methode ist es hierbei immer nicht den Inhalt zu kritisieren (man müsste sich ja damit befassen) sondern die wissenschaftliche Korrektheit und Detailliertheit selbst anzuzweifeln. Und nebenbei gesagt: Würden die Ergebnisse der Studie in der Tat wissenschaftlicher Standard werden und in Politik umgesetzt werden, hätten einige Lobbys schlicht verloren. Ist es also verwunderlich, dass es so viel Gegenwehr gibt?

      3) Ob die Videos der gequälten Tiere echt sind oder nicht tut hier nichts zur Sache. Allein der Fakt, dass Tiere getötet werden ist ethisch zumindest fraglich.

  4. Peter sagt:

    Hey Ulf,

    interessanter Beitrag, aber beim Punkt Subventionen liegst du falsch. Diese dienen nicht dazu, dem Konsumenten spottbilliges Fleisch zu ermöglichen, sondern es den deutschen (bzw. europäischen) Produzenten zu ermöglichen, ihre Produkte zum niedrigen Weltmarktpreis anzubieten. Streichst du die Subventionen, verschwinden die subventionierten heimischen Anbieter vom Markt und der geneigte Carnivore kauft zum selben Preis bei der Konkurrenz (deren Produktionsbedingungen, Hygienemaßstäbe etc. sicherlich nicht über dem deutschen Niveau liegen).

    Ich denke jeder sollte den Umfang seines Fleischkonsums mit sich selbst ausmachen – aber wie du sagst bitteschön auch informiert über die unschönen Seiten der Produktion.

    Grüße
    Peter

    • Ulf Kippke sagt:

      Ach Peter,

      natürlich hast Du ein Stück weit recht. Doch eben leider nicht ganz:
      1) Die Produkte sollen vielleicht zum „niedrigen Weltmarktpreis“ angeboten werden können. In der Tat zerstört aber „spottbilliges“ europäisches Hühnchen die heimische Fleischproduktionen der Kleinbauern in vielen Entwicklungsländern. Es gab sogar mal ein Land, welches sich diesem Prozess mittels Schutzzöllen entziehen wollte. Es verwarf dann jedoch seine Idee, nachdem der IWF mit ausbleibenden Krediten drohte … Warum tat er das wohl?
      2) Es sollte ein Leichtes, für einen autarken Gesetzgeber, sein die Einfuhrbestimmungen bezüglich der Produktionsweise eines Produkts zu reglementieren bzw. zu kontrollieren. Und das Argument „Machen wir es nicht, machen es halt andere“ zieht einfach nicht, wenn die Legislative ihre Job macht.
      3) Dass die deutschen Produktionsbedingungen besser seien ist leider offensichtlich nicht zwingend der Fall. Die Ergebnisse gewisser Gruppen und deren nächtliche Ausflüge in deutsche Ställe mit Kamera etc. beweisen das beeindruckend.

      So long ;)

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