Die schönsten Träume von Freiheit werden im Kerker geträumt. Johann Christoph Friedrich von Schiller

Gedanken zum Geburtstag

Gedanken

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Seit heute bin ich  nun nicht mehr so alt wie ich es gestern noch war. Seit heute bin ich quantitativ ein Jahr älter. Obwohl ich mich dennoch als jung bezeichne und obwohl ich noch lange nicht von einer altersbedingten oder erfahrungsbedingten in mir liegenden Weisheit sprechen kann, mache ich mir dennoch gerade heute so meine Gedanken. Gerade an einem solchen Tag und mit den letzten Jahren auch immer häufiger, sehe ich mich gezwungen meine Sorgen auch laut auszusprechen. Meine Sorgen in dieser Welt und dieser Zeit, in diesem Land und meinem Umfeld. Diese Sorgen werden irgendwie immer größer, anstatt immer kleiner. Woran liegt das?

Vielleicht ja an den Kommentaren, die ich heutzutage so höre und lese. An dieser unfassbaren Menge von Hass, Ablehnung und (man möge mir vergeben) Unwissenheit oder gar Dummheit. Mir hängt dieses „Ich habe ja nichts gegen XYZ, aber …“ so dermaßen aus dem Hals. Mir hängt dieses Unverständnis und diese verbreitet fehlende Empathie aus dem Hals und ich habe so dermaßen die Schnauze voll davon, wie Menschen sich selbst immer und immer wieder in ihrer Ignoranz übertreffen können.

Wie kommt es dazu, dass deutsche Bürger, die nie in ihrem Leben wirklich etwas zu erleiden hatten, die weder Hunger, noch Verfolgung, noch Krieg kennen, dass diese Menschen sich herablassen über das Leiden und das Elend anderer zu urteilen? Wer gibt jenen das Recht zu entscheiden, wer flüchten darf und wer nicht? Ich ertappe mich sogar dabei mir selbst vorzustellen wie jene selbst handeln würden, fielen ihnen vom Steuerzahler finanzierte Bomben auf den Kopf oder wüssten jene selbst nicht, mit welchem Wasser sie ihr Stück Rinde morgen weich kochen sollen.

Wie würden jene handeln? Ich stelle mir vor, wie der gute deutsche Michel reagiert wenn sein kleines Vorstadthäuschen erzittert und zusammenfällt, weil irgendeine Regierung eines anderen Landes der Meinung ist es wäre ein militärisches Ziel. Und wenn dann der gute deutsche Michel panisch nach seinen Kindern sucht und den Schutt mit bloßen Händen durchwühlt. Und wenn er dann seinen Sohn mit abgerissenem Arm und aus dem Schädel tropfender Hirnmasse findet. Und wenn er dann seine Frau findet, wie sie mit ihrem letzten Atemzug versucht hat das Gedärm der Tochter wieder in deren Bauch zu schieben.

Wie reagiert der gute deutsche Michel, wenn er keinen Supermarkt hat? Wie, wenn er meilenweit kein sauberes Wasser findet? Wenn der Bauch seines kleinen Sohnes vor Würmern nur so wimmelt und wenn seine Frau wegen des Hungers nicht mal das Baby säugen kann? Was tut er, wenn er dann von seinem kleinen Stück Land vertrieben wird, weil darunter Öl gefunden wurde, oder weil ein Staudamm gebaut werden muss, oder weil sich das Land hervorragend für Soja eignet (nach der Ausbringung von tonnenweise Dünger) und die Massentierhaltung einfach besser bezahlt als er? Oder weil er schlicht und einfach die falsche Hautfarbe, die falsche Religion oder die falsche Ethnie hat?

Ich bin tagtäglich entsetzt von meinen Mitmenschen. Sie begreifen weder das Spiel von Medien und Meinungsmache noch versuchen sie die Dinge zu hinterfragen und zu verstehen. Sie wollen nicht sehen, dass ihr alltägliches Handeln, ihre Ernährung, ihr Konsum und ihr Schweigen maßgeblich zum weltweiten Elend und zu Krieg und zu millionenfachem Sterben und Leiden führt. Sie erkennen schon keinen Zusammenhang vom allabendlichen Steak und dem Tier selbst. Sie erkennen schon keinen Zusammenhang von einem Like bei Facebook und der ganz realen Gewalt gegen Andersdenkende und Anderseiende.

Natürlich könnte auch ich einfach meinen Mund halten. Natürlich könnte auch ich einfach mein Leben leben. Aber genau das will ich nicht. Ich möchte verstehen und begreifen und ich möchte vor allem ändern und verbessern.

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Dieses Prinzip, genannt „kategorischer Imperativ“ und bekannt seit dem späten 18. Jahrhundert, ist so einfach und so klar und doch scheinbar unmöglich umzusetzen. Denn es bedarf einer vernünftigen Reflexion des eigenen Handelns.

Wer die Opfer nicht schreien hören, nicht zucken sehen kann, dem es aber, sobald er außer Seh- und Hörweite ist, gleichgültig ist, daß es schreit und zuckt – der hat wohl Nerven, aber – Herz hat er nicht.

… sagte einst die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner. Mitleid und Empathie sollten die treibenden Kräfte sein, nichts anderes. Mitleid und Empathie gegenüber einfach allem und jedem – natürlich jedoch nicht bis zur Selbstaufgabe. Doch bis dahin ist es ein schier unendlich langer Weg.

Zu diesem heutigen Tag mache ich mir viele Gedanken und nicht ansatzweise alle haben hier Platz gefunden. Die unverhohlene Lügerei allerorten, nicht enden wollender Egoismus und vieles andere hängt mir immer stärker und immer beißender in den Gedanken.

Aber auch die Schönheit des Moments, das Glück eines Kusses oder das Geräusch von raschelndem Laub, der Geruch von Babyköpfen oder der Geschmack von geliebten Lippen, das Gefühl, wenn „the base drops“ oder das Orchester auf die eine Geige antwortet, die wohlige Wärme unter der Decke, gerne durchbrochen von kalten Füssen der Freundin, der Geschmack eines perfekten Essens und dem perfekten Wein dazu … und so viel mehr.

I have a dream.

Martin Luther King

P.S.: Und an zwei bestimmte Damen meiner Vergangenheit gerichtet:

Die Samen der Vergangenheit sind die Früchte der Zukunft.

Der erhabene Erleuchtete


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27.10.15
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