Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit. Marie von Ebner-Eschenbach

Der neue deutsche Michel

Fehlinformation aufgedeckt
Quelle siehe Bild

Jetzt ist es soweit. Ich lese und sehe Meinungen, die das Schicksal der Deutschen mit dem Schicksal der indigenen Bevölkerung Nordamerikas gleichsetzen. Ich lese und sehe Beiträge, die in immer neuer Kombination, doch immer gleichem Tenor, die Lasterhaftigkeit von Flüchtlingen beweisen sollen. Mal ist es ein verdreckter Zug, mal ein wohl verdreckt zurück gelassenes Zelt eines Lagers, mal der Vorwurf ungestraft in einschlägigen Supermärkten oder äußerst fragwürdig billigen Klamottenläden zu stehlen. Und mal ist es die ewig gleiche Nörgelei, man könnte sich als Frau oder Fräulein nicht mehr allein auf die Straße wagen, ohne nicht gleich die Hand eines Pigmentierten auf dem allzu entblößten Popo zu bekommen. Und hier und da mischen sich dann auch Stimmen ein, welche sich jene welche der Wahrheit nennen und welche doch lediglich eine Gegenöffentlichkeit zu jener darstellen wollen, welche uns die Medien, deren Aussagen sowieso als Unwahrheit propagiert werden, glauben machen wollen. Das ist alles so unglaublich, so falsch und genau so, wie die Gründungsväter der heutigen Bundesrepublik eben nie mehr wollten.

Der erste Artikel unseres Grundgesetzes, welcher die Würde eines jeden Menschen unter unveränderbaren Schutz stellt, gerät mehr und mehr in Vergessenheit und es sind nicht mehr die Aufmärsche jener kahlköpfiger Enttäuschten, in martialischen Aufzügen und laut skandierend durch die schönen Städte unserer aller schöner Republik marschierenden Verblendeten, welche diesen ersten Artikel und all jene, die ihm folgen, gefährden. Nein. Körperliche Unversehrtheit, freie Meinungsäußerung, Recht auf persönliche Entfaltung und nicht zuletzt das Recht auf Asyl stehen heute nicht auf dem Prüfstand harter Extremisten, in verbotenen Gruppen organisiert, betrunken, prügelnd, randalierend und hetzend. Der wahre Gegner all dieser höchsten Errungenschaften des deutschen Humanismus und der deutsche Angst vor dem, was wir einmal waren und vor dem, was wir einmal wieder sein könnten, ist nicht mehr greifbar, nicht mehr erkennbar. Er zeigt sich nicht mehr offen auf der Straße. Seine Stiefel dröhnen nicht mehr im Gleichschritt.

Der wahre Gegner der demokratisch-freiheitlichen Grundordnung ist der gute deutsche Michel selbst.

Der gute deutsche Michel lebt natürlich nicht vorzugsweise hier oder dort. Er bezieht auch nicht mehr per se Bezüge aus irgendeiner der Vielzahl bundesdeutscher sozialer Netze, als da wären Arbeitslosenversicherung, Pflegeversicherung, Rentenversicherung, Krankenversicherung und Unfallversicherung. Er ist auch nicht mehr automatisch ein Opfer der Tabak- oder Alkoholindustrie. Ja, auf seinem Grill landet sogar nicht mehr automatisch Fleisch. Alles in allem ist er gar nicht mehr erkennbar, nicht greifbar. Er handelt aus einem Raum heraus, der weder für die Wissenschaft, noch für Politik, Medien oder gar Nachbarn begreifbar ist und sein Antrieb ist wenig homogen.

Der deutsche Michel ist ein Bürger, er nennt sich zudem einen besorgten eben solchen. Er meint in der Tat nur das Gute zu wollen – aber eben nur für sich. Seine Aussagen sind vielleicht sogar zum Teil verständlich, gehen sie doch mit so beruhigenden Teilsätzen einher wie: „Ich bin kein Nazi, aber…“. Er ist der Bäcker, der Fachverkäufer, der Autohändler, der Lehrling. Er arbeitet vielleicht sogar in Berufen, welche eigentlich ein hohes Maß an sozialem Engagement erfordern. Als solcher ist er vielleicht Krankenpfleger, Rettungsassistent oder Arzt oder Altenpfleger und dergleichen mehr.

Und doch ist er es, der die Geschichte stärker beeinflussen wird als jeder marschierende, grölende ewig gestrige. Denn erinnern wir uns an die Geschichte. Nicht die SA und nicht die SS konnte Hitler in den Reichstag wählen. Nein. Das konnte nur und ausschließlich der deutsche Michel selbst, in seiner Masse. Und zeigten sich damals die Demagogen offen und sprachen durch krächzende Mikrofone zu den Massen und verblendeten jene den deutschen Michel durch das Schmeicheln seines Egos, durch die Suche der Schuldigen im Westen und im Osten, jedoch außerhalb der deutschen Grenzen, oder aber in den jüdischen, den homosexuellen Gemeinde, oder aber im politischen Feind, den Kommunisten. Heute tut er dies eben nicht mehr personifiziert in einigen wenigen. Der Demagoge spricht heute mit seinen Tasten und mit Photoshop, mit HTML und CSS 3. Er steht nicht mehr auf der Bühne sondern sitzt in seinem Wohnzimmer. Seine Waffen sind keine uniformierten Horden, keine Mikrofone, keine körperliche Gewalt mehr. Seine Waffen sind die Subversion, die Wahrheitsbeugung, die Lüge. Und seine Steigbügelhalter sind die verbreitete Unwissenheit, die Ignoranz und das Minderwertigkeitsgefühl.

Der heutige Demagoge kümmert sich erst, bevor er offen hetzt. Er kümmert sich im Kinder und deren Misshandler. Er kümmert sich um Tiere und deren Mörder. Er kümmert sich Frauen und deren Vergewaltiger. Er kümmert sich um Bahnen und deren Verwüster. Er kümmert sich also um alles und jeden, aus dessem Schicksal er ein Feindbild ableiten kann. Erst kommt das Kümmern und dann das Hetzen.

Der heutige Demagoge und sein heutiger deutscher Michel werden Deutschland nachhaltig beschädigen. Vielleicht sogar nachhaltiger als damals, wenn sich die heutige Demokratie genauso wenig wehrhaft zeigt, wie die damalige es tat.


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10.09.15
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