Wer sagt: hier herrscht Freiheit, der lügt, denn Freiheit herrscht nicht. Erich Fried

David gegen Goliath

So oder ähnlich könnte man den Kampf Holger Kreymeiers bezeichnen. Mit seinem Projekt „Fernsehkritik.tv“ schließt Kreymeier nämlich jene Lücke, die es im System der Gewaltenteilung der vier Gewalten nicht gibt. Die Judikative kontrolliert die Exekutive und die Legislative, die Legislative erlässt Gesetze und wird vom Volk kontrolliert, die Exekutive prügelt der weilen aufs Volk ein. Und wer kontrolliert die vierte und vermutlich mächtigste Macht in Deutschland, die Medien?

Holger Kreymeier!

Sein Videoblog „Fernsehkritik.tv“ geht nun in die 100. Folge!

Und David tat seine Hand in die Tasche und nahm einen Stein daraus und schleuderte und traf den Philister an seine Stirn, daß der Stein in seine Stirn fuhr und er zur Erde fiel auf sein Angesicht. 50 Also überwand David den Philister mit der Schleuder und mit dem Stein und schlug ihn und tötete ihn. Und da David kein Schwert in seiner Hand hatte, 51 lief er und trat zu dem Philister und nahm sein Schwert und zog’s aus der Scheide und tötete ihn und hieb ihm den Kopf damit ab. Da aber die Philister sahen, daß ihr Stärkster tot war, flohen sie.  (1. Samuel – Kapitel 17)

Dies könnte auch die Rolle Kreymeiers ganz passend beschreiben. Er, der David, kämpft scheinbar alleine gegen Gegner, die alle Vorteile auf ihrer Seite haben. Aber wogegen kämpft Kreymeier eigentlich?

Kreymeiers Passion ist es nämlich nicht, wie manche vielleicht meinen könnten, mit seinen Videoblog die deutsche Fernsehlandschaft an und für sich fertig zu machen, die Kids wieder vom Fernseher in die freie Natur zu locken oder Sender wie RTL, RTL 2 oder Sat 1 den Garaus zu machen. Seine Ziele scheinen auch nicht egozentrischer Natur zu sein, nämlich auf der Welle einer vorhandenen Fernsehkritik mit zu schwimmen um so seine Schäfchen ins Trockene zu bringen – wobei man konstatieren muss, dass Kreymeier bei dem was er tut eine gehörige Ladung Egozentrik, Selbstbewusstsein und vermutlich auch Arroganz an den Tag legen muss … sonst hielte man diesen Kampf vermutlich nicht aus.

Kreymeiers Intention ist also nicht die Zerstörung, sondern vielmehr die Verbesserung! Man muss seine Ziele, denke ich, in zwei Kategorien teilen, je nach Gegner.

1. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen inklusive GEZ

Kreymeier arbeitete einst selbst als freier Mitarbeiter für den NDR, bis er auf die Idee einer Kampagne namens „Dafür zahl ich nicht“ kam. In dieser Kampagne prangerte er erstmals die mangelnde Qualität des GEZ-bezahlten Fernsehens an und forderte von den Verantwortlichen mehr Verantwortung im Umgang mit den ihnen zur Verfügung gestellten öffentlichen Geldern. Wie er dann den Weg weg vom NDR und hinein in die Selbstständigkeit gefunden ist Geschichte.

Heute schaut er den Nachrichtensprechern und Moderatoren, den Köpfen hinter den Sendungen und den Machern des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sehr genau auf die Finger und klopft regelmäßig an den Türen der Sendeanstalten um kuriosen Nonsens, billige Nachbauten vormals privater Formate sowie Patzer und Unmöglichkeiten zu hinterfragen und an die Öffentlichkeit zu bringen.

Ein beliebtes Thema, nur um ein Beispiel zu nennen, ist die wiederholte Flachheit, ausdauernde Inhaltslosigkeit und dem Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zuwider laufende Gier nach Einschaltquoten der vielen Talkformate. Sei es nun „Hart aber Fair“, „Menschen bei Maischberger“, „Beckmann“ oder die neue und aktuelle Schlafstunde mit Günther Jauch.

Kreymeier sucht also in diesem Bereich nicht den Streit sondern mahnt die bestbezahlten öffentlich-rechtlichen Sender weltweit zur Wahrnehmung ihrer politischen und pädagogischen Verantwortung.

2. Die privaten Sender

Hier liegt die Sache eindeutig anders. Kreymeier ist Fan von guten Filmen, was er in seinem Zweitprojekt (oder Dritt-, oder Viertprojekt?) „Pantoffelkino TV“ beweist. Und dass der Schwerpunkt der privaten Sender schon lange nicht mehr bei guter und hochwertiger Unterhaltung mittels langer Filmabende liegt, sollte allgemein bekannt sein. Was aber stattdessen über die Mattscheibe flimmert ist würgreizfördernd … und darum geht es Kreymeier.

Seien es nun Formate, welche auf dem Rücken Fettleibiger, auf Kosten geistig Unterentwickelter oder gar zu Lasten von Kindern ihren Reibach machen wollen. Oder seien es Formate, die uns Tag für Tag konstruierte und provozierte Schlechtigkeiten als Realität verkaufen wollen. Seien es die verbalen Esskarpaten überlagerter Popstars, die den Tatbestand des Rufmords und der Beleidigung erfüllen, oder seien es ganze Sender, deren einziger Existenzerhalt die Abzocke leichtgläubiger Bürger mittels Telefon und Lüge ist.

Holger Kreymeier nimmt hier kein Blatt vor den Mund und legt sich selbst mit dem scheinbar übermächtigen Sender namens RTL, sowie der dahinter stehenden größten Betreiberfirma privater Sender in Europa, der RTL Group an. Satirisch und spritzig nimmt er nicht nur deren Logos auf die Schippe („Scheiß RTL“ statt „Mein RTL“) sondern zeigt monatlich zwei Mal auf, wie dumm und anspruchslos deren Fernsehen eigentlich wirklich ist.

David gewinnt

Holger Kreymeier schafft es mit einer Mischung aus Satire, Ernst und Frische immer wieder, die Großen der deutschen TV-Landschaft auf ihre Fehler hinzuweisen und hat dabei nicht vergessen, für wen er das alles eigentlich macht. Sein Kontakt zu seinen Fans bzw. zur Basis dessen, was das Fernsehen ausmacht, nämlich den Zuschauern, ist Inhalt seines Bloglebens.

Regelmäßig schafft er Platz für von Laien eingereichten Werken, er nimmt sich in jedem Monat stundenlang Zeit um auf Leserbriefe zu antworten (direkt mittels Kamerawerk im eigens geschaffenen Youtube-Channel), er veranstaltet regelmäßig kleinere und größere Fantreffen und fördert die Transparenz seines Schaffens, indem er seine Fans zu den Gerichtsterminen einlädt, in welchen er versucht den Davidschen Stein gegen die Stirn der diversen Goliaths zu hämmern. Kreymeiers Fangemeinschaft wächst stetig, nicht zuletzt, weil er wie ein schrulliger Verzweifelter gegen eine Sache ankämpft, die vielen von uns schon lange unter den Nägeln brannte, gegen die wir aber einfach kein Mittel haben.

Kreymeier stellt also ein Sprachrohr der Qualitätsfernseher dar. Er fordert, was eigentlich doch jeder will! Er fordert gute, hochwertige, bildende oder zumindest gut unterhaltende, nicht diskriminierende und nicht ausbootende, informative und vielseitige Unterhaltung und Information im Fernsehen.

Ich bin seit Folge 64 mit dabei, im Kreymeierschen Boot, und ungefähr seit Folge 80 Abonnent seines TV-Blogs (der übrigens auch kostenlos, dafür jedoch etwas verzögert und mit Werbung unterbrochen, zu sehen ist). Dieses Geld bezahle ich gerne, ja sehr gerne – denn im Gegensatz zur GEZ wird mir hier geliefert was ich erwarte!

Happy Birthday

Holger Kreymeiers Videoblog „Fernsehkritik.tv“ ist nun schon 100 Sendungen alt und ich wünsche ihm und seiner Vision allen erdenklichen Erfolg!

Und bis zur 200. Folge heißt es:

Schalten Sie mal wieder ab!


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3 Kommentare
18.09.12
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3 Antworten zu “David gegen Goliath”

  1. Gammelsmurf sagt:

    Bitte stell Holger nicht auf eine Stufe mit dem Deutschen Fernsehpreis.
    Schau dir die Nominierungen mal an.

    http://www.deutscherfernsehpreis.de/index.php?option=com_content&view=article&id=39&Itemid=151&lang=de
    Aber da kommt bestimmt noch was in Folge 101 wenn Holger aus dem Urlaub zurück kommt.
    Gz zur 100 (:

  2. Tautropfen sagt:

    Wer bist du bloß ö.ö Ich bin ebenfalls seit Folge 64 dabei und zahle seit Folge 79!! Zufall oder doch mysterious xD
    Der Zeitpunkt hatte was mit dem Preis, den Holgi gewonnen hat, zu tun und mit der Supernanny xD
    Insgesamt super Rede, ganz klasse, stimme dir absolut zu! Kann so in der Zeitung stehen 8-)

  3. LauschZone sagt:

    Hey,

    wie ich finde, eine gelungene Laudatio zu Ehren der 100. Folge. Genauso hätte man es sagen können, bei Versanstaltungen , wie dem „großen“ Fernsehpreis und der nach Eigenlob stinkenden anderen Huldigungsveranstaltungen im Deutschen Fernsehen.

    Ein schöner treffender Text über Holger, der glatt eine „Tribute to Holger“ Rubrik auf fernsehkritik.tv wert wäre. :-)

    Gruss aus B von M

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