Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer. Aischylos

Antisemitismus und Judenhass

Jakob AugsteinAlle Jahre wieder dieses Drama. Jedes Jahr, teilweise gar mehrmals, sucht und findet die Weltgemeinschaft eine Person, welche sich ein Stück zu weit aus dem Fenster zu hängen scheint, welche genügend Angriffsfläche bietet für einen Vorwurf, der gerade in Deutschland den gesellschaftlichen Mord bedeuten kann.

 

Antisemit

Mit diesem einen Wort scheint dann alles gesagt zu sein. Diese Person ist ein Arschloch, eine „persona non grata“, deren Aussagen in eine kausale Kette mit den mittelalterlichen Judenhüten (Viertes Laterankonzil) und den nazideutschen Gaskammern zu setzen sind.

Stellen wir ein paar Fragen?

Was ist Antisemitismus?

Das Wort selbst ist ein Antonym zu „Semitismus“, welches wiederum die semitischen Sprachen umschreibt (ähnlich dem Germanismus oder dem Anglizismus). „Semit“ stammt aus der Bibel und umschreibt die Nachfahren des „Sem“, dem ältesten der drei Söhne Noahs. Ursprünglich gab es lediglich das Wort „Antijudaismus“.

Die Ausgrenzung der Juden hat eine lange Tradition im christlich-abendländischen Gefilde. Bereits seit dem 9. Jahrhundert wurden Juden systematisch in unbeliebte, als unrein geltende Berufe gedrängt, wie zum Beispiel dem Pfand- und Kreditwesen, indem ihnen unter anderem der Besitz von Boden verwehrt wurde. Interessanterweise wurde die Arbeit der Juden in diesem Bereich ihnen selbst dann wieder zum Nachteil.

Als im Zuge der französischen Revolution und der damit folgenden allgemeinen Menschenrechte eine Gleichstellung der Juden in Europa begann, entstand sofort auch eine nationalistische, revisionistische Bewegung, welche dann letztendlich ab 1853 behauptete, dass Juden eine eigene Rasse wären. Damit war das Fundament der Gaskammern geschaufelt – der Rest ist Geschichte.

Novum „Judenstaat“

Am 14. Mai 1948 wurde der israelische Staat in Form einer  parlamentarischen Republik gegründet. Die Unabhängigkeitserklärung des israelischen Staates garantiert die Religionsfreiheit und es gibt, wenn der Staat auch als jüdischer Staat gilt, eine weitestgehende Trennung von Religion und Staat. Wenn also die israelische Armee in die palästinensischen Gebiete einrückt, dann ist das die Folge eines Mandats der demokratisch legitimierten israelischen Regierung bzw. des Parlaments – der Knesset.

Wir müssen also im Interesse der Sprachverständlichkeit auch hier endlich mal die Worte exakt beschreiben bzw. nutzen.

Staatskritik gleich Judenhass?

Günter GrassWenn ein Günter Grass in seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ schreibt, dass „Antisemitismus“ mittlerweile ein Verdikt ist, ein Verdammungsurteil. Wenn er Kritik an der Außenpolitik des Staates Israels und seiner Nuklearwaffen gestützten Machtpolitik übt und im gleichen Atemzug seine eigene Makel behaftete Vergangenheit einbezieht. Wenn er dies alles schreibt, da er sich mit dem Staate Israel verbunden fühlt, dann hindert es die Weltgemeinschaft nicht ihn als „israelfeindlich und antisemitisch“ zu bezeichnen.

Kein Wort schrieb Grass über die Juden als Religionsgemeinschaft. Kein Wort lies er fallen! Ihm Antisemitismus vorzuwerfen ist schlicht Humbug und unterstützt seine These des Verdikts „Antisemitismus“.

Ihm auch noch Israelfeindlichkeit vorzuwerfen ist ebenfalls am Thema vorbei. Einem Gregor Gysi wird ja auch keine Deutschlandfeindlichkeit vorgeworfen, wenn er die Sparmaßnahmen der bundesdeutschen Regierung oder die Stationierung deutscher Patriotraketen an der türkisch-syrischen Grenze kritisiert.

Wiederholter Misskredit

So wie es Grass erging, ergeht es nun Thomas Jakob Augstein. Dieser deutsche Verleger und Journalist kritisierte wiederholt in seiner Spiegel-Online-Kolumne die Politik Israels, geht aber gleichzeitig immer wieder auf die Gefährlichkeit des Antisemitismus ein. Dieser T.J. Augstein wurde nun von einem als Polemiker bekannten Henryk Marcin Broder in seinem „Online-Tagebuch der Mitglieder des publizistischen Netzwerks – Die Achse des Guten massiv angegriffen und als Antisemit beschimpft.

Nach seiner Wahl als  neunter der „Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs“ darf er sich nun auch offiziell als Antisemit bezeichnen.

Und so geht es weiter und weiter und weiter! Wer es wagt den israelischen Staat und dessen zum Teil menschenverachtende und völkerrechtlich fragwürdige Politik in Palästina und bezüglich dem Iran zu kritisieren, wird diffamiert, als Antisemit bezeichnet und damit ins Aus bugsiert.

Gefährliche Inflation – cui bono?

Heutzutage geht es also schnell, dass man ein Antisemit ist. Günter Grass, Jakob Augstein, Judith Butler, Hermann Dierkes. Nützen kann das aber nur den wahren Antisemiten und Judenfeinden, denn der Begriff „Antisemitismus“ wird verbraucht, wird inflationär zerrieben. Ihn zu hören ist nichts Besonderes mehr. Es ist nichts unübliches mehr jemanden als Antisemiten zu bezeichnen, es wirkt kaum noch bedrohlich, kaum noch assoziierend. Wer denkt denn noch an die Millionen Leichen und laufende Skelette , wenn er hört, dass der wohl bedeutendste Nachkriegsautor Deutschlands jetzt ein Antisemit sein soll?

Nein – es nützt nur den wahren Feinden der Juden!

Es muss endlich exakter differenziert werden zwischen berechtigter – oder unberechtigter – Kritik an einem Staat und seiner Politik und blindem Judenhass. Alles andere diffamiert den bloßen Sprechakt so wichtiger Kritiker, unterminiert die freie Meinungsäußerung und gefährdet die Kultur der kritischen Auseinandersetzung.


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1 Kommentare
10.01.13
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Eine Antwort zu “Antisemitismus und Judenhass”

  1. Peter sagt:

    Zur Abwechslung mal uneingeschränkte Zustimmung, Ulf. Broders Foto könnte man ohne zu überlegen im Lexikon neben „Polemiker“ abbilden. Ich bezweifle auch, dass das wiesenthal-center ohne Broder überhaupt Notiz von Augsteins Aussagen genommen hätte (die mMn vollkommen berechtigt sind, obwohl ich sonst kein allzu großer Fan von ihm bin). Aber hey – Facebook und Twitter sind auch kürzlich auf der schwarzen Liste gewesen, was ja indirekt schon einen Großteil der Menschheit zu Antisemiten macht..

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